Ganz genau, ich bin für Menschenhandel.

19 Dez

Die Franzosen, die Franzosen. Erst das Burkaverbot, und jetzt das.  Sehr selten kommt es vor, dass ich mir Nachrichten reinziehe, aber als ich es heute doch mal tat, saß ich schier mit offenem Mund vor dem Fernseher, ohne zu wissen, was man zu dieser unfassbaren Dummheit sagen könnte.

Freier von Prostituierten sollen in Zukunft 1500€ zahlen müssen. Leider scheint es momentan keine aktuelleren Berichte zu geben als welche von vor 2 Wochen, da über das Gesetz wohl schon am 4. Dezember hätte abgestimmt werden sollen; wie es scheint, ist das aber noch nicht passiert (oder die Tagesschau ist tierisch hintendran). Gehen wir den Artikel in der Zeit doch eiunfach schnell gemeinsam durch:

Als Alternative oder Ergänzung zu einer Geldstrafe können auch Kurse zur „Sensibilisierung“ der Männer angeordnet werden.

Ich sehe schon ein, dass man den Leuten eventuell beibringen könnte, dass Prostitution nicht immer legal abläuft. Ich fürchte aber, dass die da generell was anderes meinen. Dass nämlich Prostitution immer etwas schlechtes wäre, das es sowieso nur geben würde, wenn Menschen dazu  gezwungen oder genötigt wäre, dass die Freier darauf sensibilisiert werden sollen, dass das, was sie tun, immer jemandem schadet.

Zugleich stimmten die Abgeordneten dafür, den auf die Prostituierten zielenden Straftatbestand des „Kundenfangs“ abzuschaffen, der die Frauen mit zwei Monaten Gefängnis bedroht, wenn sie öffentlich um Freier werben.

Ich frage mich, ob sie auch erkannt haben, dass unter denselben Voraussetzungen jedes werbetreibende Unternehmen hätte bestraft werden müssen. Auch hier glaube ich, dass nur ein Ausgleich geschaffen werden soll, ohne dass man den eigentlichen Blödsinn hinter dem Gesetz erkannt hätte.

Entworfen wurde die Initiative von einer überparteilichen Gruppe konservativer und linker Parlamentarier.

Bah. Eine unheilige Allianz ist das. Konservative und Linke haben in solchen Fragen nichts miteinander zu schaffen. Oder ich muss mich damit abfinden, nicht links zu sein, weil Linke generell ethische Fragen über Gesetze bestimmen wollen. Aber was anderes kann ich mich auch nicht heißen.Verdammte Scheiße. Oder sind alle die alle gar nicht wirklich links und nennen sich nur so?

Bei der Debatte am ungünstig gelegenen Freitagabend waren nur 30 Abgeordnete der Nationalversammlung anwesend, die fast ausschließlich für das Gesetz sprachen; es habe ein „relativer Konsens“ geherrscht

Standardverfahren für unpopuläre Gesetze. Die kommen dann zur Abstimmung, wenn eh kaum jemand anwesend ist außer den ganz Pflichtbewussten, und das sind logischerweise die konservativ Eingestellten (und am besten, wenn die Leute sich für was ganz anderes, z.B. die Fußball-WM, interessieren).

Immerhin scheint es ganz ordentlichen Protest gegeben zu haben gegen diese unsinnige Gängelung. Sicher ist mir klar, was man damit bewirken will: Man will Menschenhandel und Sklaverei entgegenwirken. Dann sollte man, würde ich sagen, aber auch gegen Menschenhandel und Sklaverei vorgehen anstatt gegen eine der Auswirkungen, die diese Verbrechen manchmal haben, und manchmal eben auch nicht. Sicher mag es in der Politik bequem sein, dann eben das Verbot der freiwilligen Prostitution in Kauf zu nehmen, aber richtig wird es deswegen noch lange nicht.

Nur einige Hundert Meter weiter demonstrierten 50 Anhänger feministischer Gruppen für den Gesetzentwurf. „Unsere Körper sind keine Ware“, schrieben sie auf Banner.

Und ich glaube, das regt mich am meisten auf. Leute, die so tun, als wären sie von dem Problem betroffen. Wer seinen Körper ohne Not verkaufen will (ob nun als Prostitution oder für den Organhandel), der soll das doch machen. Es gibt nach wie vor keinen Grund, jemandem etwas zu verbieten, das derjenige in vollem Bewusstsein mit sich selbst machen will. Ein Zitat wie das obige impliziert, dass unser aller Körper zunächst einmal zum Verkauf stehen und wir etwas dagegen tun müssen. So ist es aber nicht.

„Ich will keine Gesellschaft, in der Frauen einen Preis haben“, sagte sie, „die Freier schaffen den Markt.“ Es gehe nicht darum, die Sittenpolizei zu sein, sondern um die Gelder, die die Zuhälter kassierten.

Erstmal wieder dasselbe dumme Argument. Jeder kann für sich entscheiden, ob er/sie sich verkaufen möchte oder nicht. Und die Nachfrage schafft immer den Markt. Ohne Nachfrage kein Markt. Nicht dass ich ein besonders großer Freund der Marktwirtschaft wäre, aber das leuchtet doch ein, das ist doch logisch so. Wenn nach etwas Nachfrage besteht, warum soll ich es nicht verkaufen dürfen, wenn es sonst niemandem schadet? Und was soll der zweite Satz? Natürlich geht es darum, die Sittenpolizei zu sein, sonst hätte man es nicht so auf die Prostitution abgesehen, sondern müsste sich z.B. auch gegen Butler und Bodyguards aussprechen. Was ist schlecht daran, wenn jemand an Prostitution verdient? Wenn alles freiwillig abläuft, gar nichts. Natürlich muss man etwas dagegen tun, dass Zuhälter Abhängigkeitsverhältnisse ausnutzen, wodurch eine Scheinfreiwilligkeit entstehen würde – aber durch das generelle Verbot macht man es sich viel zu leicht, und das ist einem demokratischen Parlament absolut unwürdig (oder sollte es sein, wenn es nicht völlig normal wäre). Außerdem treibt man die Betroffenen damit in die Illegalität, was auch nichts besser macht. Nur weil Prostitution verboten ist, heißt das ja nicht, dass die Betroffenen auf der Stelle damit aufhören könnten oder nicht mehr von ihren Zuhältern unter Druck gesetzt werden.

Und was haben die Macher des Gesetzes zu sagen?

Maud Olivier, die sozialistische Initiatorin des Gesetzes, warf den Kritikern Scheinheiligkeit und Heuchelei vor: „Zu sagen, dass die Frauen das Recht haben, sich zu verkaufen, bedeutet die Tatsache zu verschleiern, dass die Männer das Recht haben, sie zu kaufen.“ Nur weil eine Prostituierte sage, dass sie ihrer Arbeit aus freien Stücken nachgehe, dürfe nicht die Versklavung aller anderen Frauen akzeptiert werden.

Bäh, da schäme ich mich ja gleich, mich sozialistisch zu nennen. Natürlich heißt es das: Wenn ein Mensch sich verkauft, verschleiert das keineswegs, sondern impliziert sehr deutlich, dass jemand anderen ihn dann kaufen kann (zu bestimmten Konditionen, versteht sich in diesem Fall). Es könnte doch so einfach sein. Und der letzte Satz ist wiederum trivial und ein Strohmann dazu: Niemand hat das behauptet, und weil eine Person sich freiwillig prostituiert, heißt das selbstverständlich nicht, dass alle es tun. Umgekehrt sollte man dann aber dasselbe gelten lassen: Nur weil die Aussage einer Person nichts beweist, muss man nicht gleich alle bevormunden.

Wie soll man es toll finden, dass Prostituierte zehn bis 15 Penetrationen pro Tag erleiden, weil sie aus wirtschaftlichen Gründen dazu gezwungen sind

Frau Olivier baut gerne Strohmänner, und hier ist schon der nächste. Klar finden wir es alle toll, wenn jemand aus der Not heraus seinen Körper verkaufen muss. Niemand findet das toll (außer vielleicht skrupellose Zuhälter), aber ist das ein Grund, es zu verbieten? Herrgott, ich sollte mich sozialliberal nennen oder so. Aber das klingt so dumm. Ach menno.

Und natürlich wird man auch „härter zuschlagen“, wenn die 1500€ nicht genug bewirken. Kennt man ja auch. Dass sie Menschen unterstützen wollen, die aus der Prostitution rauswollen, ist immerhin mal was Gutes.

Am Schluss des Zeit-Artikels wird erwähnt, dass sich viele Prominente gegen das Gesetz aussprechen. Das ist zwar ziemlich irrelevant, deutet aber in meinen Augen darauf hin, dass auch die Zeit das so sieht, weil sie es sonst nicht oder in negativerem Kontext erwähnen würde. Kann natürlich auch nur meine Wahrnehmung sein. Ich hoffe halt immer darauf, dass auch die deutschen Medien noch mal für was Gutes einstehen. Übrigens:

Prostitution ist in Frankreich zwar legal, doch Bordelle, Zuhälterei und Anschaffen in der Öffentlichkeit sind verboten.

Und das sagt für mich schon alles über eine Regierung, wenn sie eine Handlung zwar nicht direkt verbietet, aber alles unter Strafe stellt, was zwangsläufig mit der Sache mitkommt. In diesem Land ist es also erlaubt, eine bestimmte Dienstleistung anzubieten. Sie zu kaufen ist aber verboten. Umgekehrt gilt das genauso, wenn etwas zwar nicht bestraft wird, aber dennoch verboten ist (siehe Abtreibung).

Ich hab das Gefühl, dass die Fortschritte in Puncto Zivilisation, die wir in den letzten Jahrzehnten gemacht haben, so langsam wieder flöten gehen. Hoffentlich täusche ich mich da.

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2 Antworten to “Ganz genau, ich bin für Menschenhandel.”

  1. Triffels 19. Dezember 2013 um 21:42 #

    Herrgott, ich sollte mich sozialliberal nennen oder so.

    Das denke ich mir auch oft. Vielleicht solten wir eine eigene Partei gründen.
    Ansonsten volle Zustimmung.

    • Hardcore Tristesse 20. Dezember 2013 um 19:16 #

      Bevor ich mich in irgendeiner Hinsicht liberal nenne, muss ich aber erst Muriel fragen, ob das in Ordnung ist 😉

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