Die Nichtargumente der Todesstrafengegner

2 Dez

Weil ich heute in Stimmung bin, mich mit Leuten anzulegen, hab ich mal geschaut, was ich so zum Thema Todesstrafe in der Blogosphäre finde. Nach meiner Erfahrung und Empfindung ist das ein Thema, bei dem alle, die sich für gebildet und fortschrittlich halten, immer ganz schnell dabei sind und sich der erstbesten Begründung anschließen, um gegen die Todesstrafe zu sein, denn alles andere wäre ja nur was für Nazis und Stammtischler. Ich denke, da macht man es sich meist zu leicht.

Hier ist die erste Sammlung von Argumenten gegen die Todesstrafe, die ich gefunden habe. Dabei werden natürlich die üblichen Register gezogen, und darum ging es mir ja:

Wenn der Staat die Tötung eines Mörder ohne Notwehr anordnet, erschwert sich der Staat die Erklärung dafür, dass die Ermordung eines Menschen ein Unrecht darstellt

Eigentlich müsste doch gleich jedem auffallen, was an diesem Argument nicht stimmt: Wenn der Staat anordnet, einem Menschen Geld wegzunehmen, weil der einem anderen Menschen Geld weggenommen hat, oder ihn einsperrt, weil er jemanden eingesperrt hat, müsste hier das gleiche Schema greifen. Wenn es schon so eingerichtet ist, dass wir einer Instanz die Macht geben, einzelne Menschen für Handlungen zu bestrafen, die wir für schädlich halten, dann heißt das, dass diese Instanz ein Monopol auf diese Bestrafungen haben muss. Denn eine Bestrafung kann ja nichts angenehmes sein, und folglich sollte es auch niemandem außer dieser Instanz erlaubt sein, besagte Handlungen eigenmächtig durchzuführen. Solange wir eine Bestrafung haben, worin auch immer die besteht, kann das selbe von jedem Menschen getan werden und muss in diesem Fall als Verbrechen behandelt werden. Um diesen scheinbaren Gegensatz kommt man also nicht herum. Die Todesstrafe sticht hier (wie bei vielen Punkten) nur heraus, weil sie so umstritten ist.

Die bestrafende Gesellschaft muss sich durch ihr Handeln vom Handeln des Bestraften unterscheiden, sonst stellt sie sich moralisch mit ihm auf eine Stufe.

Hier gilt wieder das Gleiche. Moralisch auf eine Stufe kommt man nur, wenn auch die staatlichen Organe keiner Regelung unterworfen sind und es keine einheitlichen Standards gibt, und wenn wir die Bestrafung nicht nur auf Verbrecher beschränken, sondern so eben mit jedem verfahren, der dem Staatsanwalt gerade einfällt. In totalitär regierten Staaten (und manchmal auch in anderen) kommt sowas natürlich schon vor – aber das ist dann wiederum, aus hoffentlich nachvollziehbaren Gründen, auf der gleichen Stufe, wie wenn ein Einzelner das täte, bzw. schlimmer zu bewerten, weil es sich um organisiertes Verbrechen handelt – und kann somit nicht als Beispiel für die Gegenseite dienen.

Wenn jemand einen Menschen vergewaltigt, dann wäre es zwar vielleicht für den Täter „lehrreich“, selbst vergewaltigt zu werden, aber selbst dann  würde sich eine rechtsstaatliche Gesellschaft nicht zu einer solchen Tat gegen ihn hinreißen lassen. –  Der Richter muss sich also in seinem Urteil  von  der Handlungsweise des Verurteilten unterscheiden.

Erstens: Die Todesstrafe ist nicht lehrreich. Was soll ein Toter denn noch lernen? Zweitens: Todesstrafe ist generell (gilt auch für die obrigen Punkte) natürlich nur dann „die selbe“ Tat wie die des Verbrechers, wenn wir sie nur bei Mördern anwenden. Muss aber natürlich nicht der Fall sein. Und solange wir den Mörder nicht auf die selbe Weise umbringen wie er seine Opfer, besteht immer noch ein Unterschied. Drittens, nur ums nochmal explizit zu sagen: Die Todesstrafe ist etwas ganz anderes als ein „Auge um Auge“-Rechtssystem, aus dem gerade genannten Grund, und weil die Todesstrafe nur ein einzelner Aspekt eines Rechtssystems ist. Irgendwie wird das immer unterstellt (rührt vielleicht daher, dass manche das tatsächlich so begründen wollen).

Kein noch so ausgeklügeltes Rechtssystem kann Fehlurteile verhindern. Das Todesurteil birgt deshalb das Risiko irreparablen Unrechts.

Das ist trivial. Fehlurteile wird es vermutlich immer geben. Das gilt aber nicht nur, wenn wir die Todesstrafe haben, sondern immer. Klar ist die Todesstrafe etwas schlimmer, aber wer würde denn ernsthaft behaupten, 15 Jahre im Gefängnis seien „reparabel“? Wieder wird es so dargestellt, als sei eine Fehlverurteilung nur bei der Todesstrafe etwas schlimmes.

Eine zivilisierte Rechtsordnung zeichnet sich nicht durch barbarische Härte, sondern durch Sinnhaftigkeit und Verhältnismäßigkeit aus. Wenn eine Gefahr für die Gesellschaft durch Freiheitsstrafe, Sicherungsverwahrung oder anders abgewendet werden kann, dann darf nicht getötet werden.

Hm. Was ist schon „zivilisiert“? Ist es denn zivilisiert und weniger barbarisch, jemanden in Sicherungsverwahrung zu stecken? Da muss er noch sein Leben lang leiden (besonders wenn er unschuldig ist). Eine Gefahr für die Gesellschaft könnte z.B. auch durch Verbannung auf eine einsame Insel abgewendet werden, das wäre weniger „barbarisch“, als jahrezehntelang in einer Zelle zu sitzen, trotzdem würde es als unzivilisiert gelten. Dann bleibt die Frage, inwiefern es „sinnhafter“ ist, jemanden einzusperren, als ihn zu töten, und warum das „verhältnismäßiger“ ist. Gerade beim Verhältnis würde ich sagen, dass das doch eher umgekehrt sein müsste. Leider fehlt eine Begründung, aber da ich nur was kurzes wollte, kann ich mich auch nicht so sehr drüber aufregen.

Die Todesstrafe soll „abschrecken„? Jede Strafe, die als solche empfunden wird, ist „abschreckend“, aber nur bei solchen, die nicht ohnehin glauben, „nichts mehr zu verlieren“ zu haben. Die Abschreckungswirkung der Todesstrafe ist demzufolge geringer als die Länge der Freiheitsstrafe, und zwar ausgerechnet bei solchen Tätern, die bereits ein Schwerstverbrechen begangen haben.

Ich empfinde es nicht so, dass die Todesstrafe mehr abschrecken soll, gebe aber zu, dass das oft so gesagt wird. Zum Glück kommt das diesmal nicht in der gewöhnlichen dummen Form, dass man ja daran, dass es in Amerika mehr Gewaltverbrechen gibt, sehen könne, dass die Todesstrafe nicht abschreckt. Ich würde vermuten, dass der Beschluss, jemand anderen zu töten oder zu foltern oder andere furchtbare Dinge mit diesem Menschen zu tun, sehr schwerwiegend ist, und wenn man sich dafür entschieden hat, ist es einem mehr oder weniger egal, welche Strafe man bekommt. Wenn man „nichts mehr zu verlieren“ hat, glaube ich weniger, dass man großartig darüber nachgrübelt, ob man für seine Taten nun sterben muss oder jahrelang in einer Zelle einsitzen, denn dann hat man ja ohnehin schon mit sich abgeschlossen und es bleibt einem nur das eine Ziel, diese(n) Menschen zu töten.

Weil kein Ermordeter durch die Ermordung des Mörder wieder lebendig wird, kommt es vorrangig darauf an, Straftaten zu verhindern: Durch Abschreckung mit Strafe und durch Freiheitsentzug, wenn die Abschreckung nicht wirkte.

Ermordete werden niemals wieder lebendig, scheißegal was wir machen: kein Argument gegen die Todesstrafe. Und nein, es kommt nicht vorrangig darauf an, Straftaten durch Drohung mit Strafe zu verhindern, es kommt vorrangig darauf an, Straftaten dadurch zu verhindern, dass wir uns darum bemühen, die Welt und die Menschen zu besseren zu machen. Je weniger Not auf der Welt herrscht und je weniger Intoleranz, umso weniger Verbrechen gibt es. Darauf kommt es VORRANGIG an. Die Abschreckung kommt nur obendrauf. Warum hier impliziert wird, durch Freiheitsentzug nach begangener Straftat würden Straftaten verhindert, durch Todesstrafe aber nicht, ist mir unklar.

Es ist aber erwiesen, dass die Abschreckung weniger von der Härte der Strafe abhängt, sondern vor allem von der Wahrscheinlichkeit der Aufklärung. Für effektive Abschreckung braucht es also effektive Strafverfolgung gewährleisten. In vielen Staaten dient die Todesstrafe lediglich der Vertuschung mangelnder Erfolge bei der Kriminalitätsbekämpfung. Und solche ineffizienten Staaten wollen durch besondere Härte dem redlichen Bürger imponieren, aber können Verbrecher nicht beeindrucken.

Da mag was dran sein, aber es ist ja wohl kaum die Schuld der Todesstrafe, wenn sie willkürlich, unrechtmäßig und inkompetent eingesetzt wird. Wieder kein Argument.

Es sitzen weltweit Tausende Menschen in Todeszellen. Nicht immer sind es wirklich überführte Mörder, sondern sehr häufig auch politisch Verfolgte, Taschendiebe, Frauen, die des Ehebruchs beschuldigt wurden, …

Wieder nicht die Schuld der Todesstrafe. Es sitzen genauso viele Menschen in normalen Zellen, aus denselben Gründen, und doch fordert niemand (naja, irgendwer bestimmt doch), Gefängnisse sollten generell abgeschafft werden. Allgemein ist es doch immer so: Nur weil man etwas missbrauchen kann, muss es nicht gleich komplett abgeschafft werden. Nur bei allen anderen Fällen sehen das die Leute auch. Hier liegt es auf einmal an der Todesstrafe, dass in Saudi-Arabien Ehebruch strafbar ist.

Die Todesstrafe, ob in Afghanistan, in China, im Iran oder in den USA, ob im Mittelalter oder im kommenden Jahr 2000, ist neben dem Krieg die widerlichste und elendste Rechtsanmaßung von Staaten und Gesellschaften.

Was man widerlich und elend findet, ist natürlich Ansichtssache. Ehrlich gesagt finde ich sowas wie Guantánamo oder Konzentrationslager dann aber doch etwas widerlicher als eine Giftspritze oder einen einzelnen Kopfschuss für einen Serienmörder. Das mit dem Krieg ist nochmal ein anderes Fass, das ich jetzt nicht aufmachen will. Da gilt aber letztendlich Ähnliches.

Soviel also dazu. Ich kenne kein einziges Argument gegen die Todesstrafe, das nicht entweder auch alle anderen Strafen mit einschließen müsste oder aber ein Argument gegen was ganz anderes ist. Und dann bleibt nur noch übrig, dass man als Todesstrafengegner sagen kann, es sei unmoralisch, Menschen zu töten. Kann man natürlich so machen. Muss man aber nicht.

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9 Antworten to “Die Nichtargumente der Todesstrafengegner”

  1. Triffels 3. Dezember 2013 um 18:58 #

    Wow. Ich.., nun.., bin beeindruckt. Und beschämt. Ich hatte das ein oder andere Argument hier selbst schon verwendet und Du hast sie zerrissen.

    • Muriel 3. Dezember 2013 um 19:10 #

      Du solltest meines Erachtens stolz darauf sein, das erkennen und öffentlich eingestehen zu können.
      Die Größe haben viel zu wenige Menschen.

      • Triffels 3. Dezember 2013 um 20:01 #

        Herzlichen Dank.

  2. Muriel 3. Dezember 2013 um 09:22 #

    Word.
    Und das vielleicht einzige wirklich sinnige Argument hast du auch im Text.
    Bin begeistert.

    • Hardcore Tristesse 3. Dezember 2013 um 10:40 #

      Wenn du mir sogar zustimmst, dann ist es ziemlich sicher, dass ich richtig liege, danke 🙂
      Ich steh nur grad aufm Schlauch, was meinst du mit dem vielleicht einzig sinnigen Argument?

      • Muriel 3. Dezember 2013 um 11:34 #

        Die Todesstrafe ist nicht lehrreich. Was soll ein Toter denn noch lernen?

        Es ist kein Grund, nie und unter keinen Umständen eine Todesstrafe vorzusehen.
        Aber ich würde es als generelles Gegenargument gelten lassen.

      • Hardcore Tristesse 3. Dezember 2013 um 12:28 #

        Achso. Das war ehrlich gesagt nicht mal beabsichtigt, ich wollte damit nur sagen, dass der Vergleich mit der Vergewaltigung nicht passt.
        Ansonsten stimme ich dir zu, würde es aber als weniger wichtigen Aspekt betrachten.

      • Muriel 3. Dezember 2013 um 12:42 #

        Weiß nicht.
        Strafe ist in meinen Augen generell schon ein ethisch sehr grenzwertiges Konzept, und wenn sie nicht mal mehr den vertretbaren Zweck der Sozialisierung hat, sondern nur der Vernichtung einer Person dient, dann halte ich es für argumentierbar, dass die Grenze damit überschritten ist, zumindest, solange wir nicht eindeutig und mit aller praktisch erreichbaren Sicherheit wissen, dass es keine mildere Möglichkeit gibt, den Rest der Menschheit für dem zu Bestrafenden zu schützen.

      • Hardcore Tristesse 3. Dezember 2013 um 16:15 #

        Ja, okay, das kann man so verargumentieren. Aber wie schon gesagt, spricht es eben nicht generell immer dagegen bzw. kann man es auch einfach anders sehen.

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