Grundloser Rant gegen Liberale

5 Jul

Ich habe ja in letzter Zeit eigentlich meine Feindschaft zur liberalen Idee ein wenig überwunden. Denn grundsätzlich finde ich, klingt das mit der Eigenverantwortung und so gar nicht übel, und es gibt auch etliche Beispiele, bei denen ich Liberalen nachdrücklich zustimmen kann, denn zuviel sinnlose staatliche Gängelung und Bevormundung bringt uns als Gesellschaft einfach nicht weiter. Und regelmäßig widerspreche ich auch meinen linken Freunden mit Berufung auf die Mündigkeit und Eigenverantwortung erwachsener Menschen. Natürlich kommt jetzt das aber: Aber mich erstaunt doch in manchen Bereichen, wie man die liberale Idee so undifferenziert und grenzenlos durchsetzen wollen kann, am deutlichsten beim Thema Verbraucherschutz.

Das geht dann zum Beispiel so: Der Staat will Unternehmen dazu zwingen, kenntlich zu machen, ob ihre Frühstücksflocken Asbest enthalten. Für Liberale ist das ein unsäglicher Eingriff in die Freiheit des Unternehmens und eine Bevormundung des Kunden. Denn der Kunde und das Unternehmen schließen beim Kauf einen Vertrag – und wenn sich der Kunde nicht über die Konditionen informiert, hat er eben Pech gehabt.

Der Verbraucher soll sich also selbst informieren und der Staat ihm diese Informationen nicht auf die Nase binden. Das erste große Problem, das ich damit habe, ist, dass es dem Kunden überhaupt nicht möglich wäre, sich zu informieren, wenn Verbraucherschützer nicht irgendwann durchgesetzt hätten, dass er Zugang zu diesen Informationen bekommt. Unternehmen sind von Natur schließlich nicht gerade transparente Institutionen. Erst staatliche Vorschriften bringen Licht ins Dunkel der Herstellungsprozesse. Also müsste doch im Sinne der Liberalen sein, dass der Zugang zu solchen Informationen möglichst einfach gestaltet wird. Stattdessen sehen sie es als Bevormundung, wenn die Inhaltsstoffe von Lebensmitteln allzu offensichtlich gekennzeichnet sind.

Zweitens: Wer würde behaupten, dass es einen vertretbaren Aufwand darstellt, wenn ich beim Einkaufen mich über jede einzelne verdammte Erdnuss und jede Scheibe Wurst informieren muss in Bezug auf eventuell schädliche Inhaltsstoffe, Herstellungsprozesse (Stichwort Kinderarbeit etc.), Tierquälerei, umweltfreundliche Produktion und so weiter? Das ist ein Vollzeitjob, sogar mehr als das. Und Unternehmen betreiben hier schließlich auch gerne Gegenaufklärung, da wird teilweise verschleiert (wer kann sich schon was unter E-Stoffen vorstellen, ohne dabei ein Lexikon zu Rate zu ziehen?), es wird sich damit beschäftigt, irreführende Formulierungen in Verträgen zu platzieren und dergleichen. Und da wird vom einzelnen Bürger erwartet, dass er da mithalten kann? Mit Unternehmen, die dafür Profis beschäftigen? Und dann sollen einfache Informationsmöglichkeiten noch was Schlechtes sein?

Und da ist noch mehr. Die Grundlage für unsere Moral bildet die Regel „Tue nichts, was anderen schadet“. Wie das genau auszusehen hat, dazu gibt es natürlich viele verschiedene Ansichten, und man kann auch vertreten, dass freie Marktwirtschaft geeignet ist, die Grundlage einer funktionierende Gesellschaft zu bilden. Aber diese Ansicht halte ich für illusorisch. Denn Marktwirtschaft regelt die Dinge in allererster und maßgeblicher Linie nur nach einem Maßstab: dem Geldbeutel. Zusätzlich zum bereits angesprochenen Problem des zu großen Informationsaufwands kommt nun noch, dass Menschen mit geringem Einkommen nicht wirklich die Möglichkeit haben, zu entscheiden: Selbst wenn sie wissen, dass gewisse Unternehmen mit Kinderarbeit produzieren und dagegen sind, bleibt ihnen nicht die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun, da sie sich eben nur diese ethisch nicht verantwortbaren Produkte leisten können. Es gibt keinen zuverlässigen Mechanismus, um unmoralisches Verhalten zu bekämpfen, wenn der Staat nicht einspringt. Im Gegenteil, an vielen Stellen lohnt es sich, unmoralisch zu handeln bzw. ist es wirtschaftlich sogar geboten, um konkurrenzfähig zu bleiben. Zudem halte ich es für moralisch absolut unvertretbar, menschliches Leiden von der Gewogenheit der Konsumenten abhängig zu machen.

Zuletzt bleibt noch, dass die Zustände in Drittweltländern (nicht nur dort, aber hier wird es besonders deutlich) für Menschen in reichen Ländern ziemlich ungreifbar sind. Das heißt, dass auch jemand, der eigentlich gegen Kinderarbeit ist, unter Umständen nichts dagegen unternimmt, weil ihm oder ihr das Problem gar nicht so richtig bewusst ist.

Ja, ich bin ein Sozialist. Ich bin kein Freund davon, dass mir ein Staat alles bis ins letzte Detail vorschreibt. Allerdings bin ich ein Freund von Normen, Standards und generell Verlässlichkeit, denn diese machen das Leben und auch das Wirtschaften sehr viel einfacher. Ich bin auch ein Freund der Idee, dass Menschen eine Solidargemeinschaft bilden, in der Arbeitsteilung betrieben wird. Verbraucherschutz ist Arbeitsteilung in dem Sinne, dass sich nicht mehr jeder selbst um die Aufklärung bezüglich seiner Produkte kümmern muss. Man kann darüber streiten, wie weit das gehen kann, aber grundsätzlich halte ich das für eine gute Idee gegenüber der völlig überzogenen Vorstellung, dass jeder Mensch sich immer über alles umfassend informieren könnte. Völlige Freiheit führt leider immer dazu, dass manche Menschen andere über den Tisch ziehen wollen. Meinetwegen kann jeder Asbest-Cornflakes kaufen, wenn er oder sie das möchte und sich voll bewusst ist, was das eigentlich ist. Aber es muss möglich sein, das auf einfache Art herauszufinden. Und damit meine ich nicht googlen – solche Dinge muss man sofort erkennen, wenn man das Produkt in die Hand nimmt. Und dann habe ich auch nichts dagegen, wenn da drauf steht „Achtung, enthält giftiges Asbest“. Denn was für eine Solidargemeinschaft soll das sein, die einem nicht explizit sagt, was man da kauft und davor warnt, dass das eventuell extrem schädlich sein könnte, und einen stattdessen mit einem herablassenden „Tja, hättest du dich halt besser informiert“ bedenkt?

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6 Antworten to “Grundloser Rant gegen Liberale”

  1. Triffels 13. August 2013 um 17:04 #

    ?

    • Hardcore Tristesse 28. August 2013 um 21:21 #

      Damit kann ich leider nur wenig anfangen ^^

      • Triffels 1. September 2013 um 14:09 #

        Ich wollte herausfinden, ob es Dich noch gibt. Zum zweiten Mal übrigens schon. Was stellst Du Dich auch immer so lange tot, da bekommt man ja Angst! Ach ja, fast vergessen: Schön, Dich wiederzulesen!

      • Hardcore Tristesse 2. September 2013 um 15:29 #

        Das tut mir ja Leeeeiiiiid D:
        Ich hab halt immer so meine Phasen von absoluter Lust- und Ideenlosigkeit und Zeitmangel. Aber ich denk mal, demnächst kommt wieder was.

      • Hardcore Tristesse 2. September 2013 um 15:30 #

        Übrigens: Danke für dein Interesse, das ist echt rührend 😉

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  1. Hardcore Tristesse fragt, überschaubare Relevanz antwortet | überschaubare Relevanz - 7. Juli 2013

    […] mich erstaunt doch in manchen Bereichen, wie man die liberale Idee so undifferenziert und grenzenlos… […]

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