Das Neuland, das jeder beherrschen, aber keiner betreten wollte

20 Jun

Angela Merkel hält das Internet also für Neuland. Für uns alle. Und wird dafür verspottet, und zwar völlig zu Recht.

Es bleibt natürlich eine Interpretationsfrage, wer „wir alle“ in diesem Kontext sein soll. Wir Deutsche? Wir ältere Mitbürger? Wir, die Bundesregierung? Manche, die Merkel Recht geben wollen, beziehen sich dabei eher auf die ersten beiden Möglichkeiten. Sie denken, dass die Mehrheit der Deutschen noch nicht im Internet angekommen ist, und dass es deshalb herablassend ist, sich über Merkel lustig zu machen, weil sie für die Mehrheit spricht.Damit gibt es natürlich mehrere Probleme:

Zunächst wird „das Internet“ häufig mit Facebook, Twitter und sonstigen vergleichsweise neuen Anwendungen gleichgesetzt, die von der Mehrheit der Deutschen nicht genutzt  und daher auch oft wenig verstanden werden. Dass E-Mails lesen, Kochrezepte googlen und Pornos gucken nicht weniger zum Internet gehört als Facebook, wird dabei gerne übersehen.

Zumindest wörtlich genommen bleibt es eine Lüge, weil es eben definitiv nicht für ALLE Neuland ist. Die Fachleute existieren, und die jüngere Generation lebt quasi in einer Symbiose mit dem Internet und natürlich besonders mit den ach so unbekannten Anwendungen Facebook, Twitter usw.

Außerdem bleibt natürlich der Kontext zu beachten, dass Frau Merkel damit den Prism-Abhörskandal rechtfertigen wollte und sie in dieser Hinsicht wohl eher nicht im Namen der Deutschen im Allgemeinen spricht. Zumindest sollte sie das nicht, denn als Bundeskanzlerin liegt es mitunter in ihrer Verantwortung, ihre Bürger vor so etwas zu schützen, und da kann man sich nicht mit einem fadenscheinigen „Aber ich kenn mich doch da gar nicht aus!“ aus der Affäre ziehen. Es dürfte wohl keine allzu große Schwierigkeit sein, ein Team aus Fachleuten zu engagieren, welche die Regierung in diesen Dingen unterstützen können, oder?

Ist das das Niveau, auf dem wir über so etwas reden wollen? Ist das eine Entschuldigung dafür, dass unsere Regierung offenbar nichts dagegen unternimmt, dass wir von einem ausländischen Geheimdienst abgehört werden? Ich denke nicht. Und ich denke auch nicht, dass eine Bundeskanzlerin eine solche Aussage tätigen sollte. Schließlich spricht sie nicht nur für sich und die Regierung (was peinlich genug ist ob der bereits genannten Möglichkeiten, das zu ändern), und auch nicht nur für die Mehrheit der Sich-Im-Internet-Nicht-So-Gut-Auskennenden, sondern auch für unsere Wirtschaft und das Bildungssystem etc. – was macht das denn für einen Eindruck?

Und das alles ganz abgesehen vom sonstigen Umgang der Regierung mit dem Internet. Stichwort Leistungsschutzrecht – hat die Regierung sich darauf berufen, sich nicht auszukennen? Nein, sie hat noch entgegen der einhelligen Proteste der Fachwelt dieses unsinnige Gesetz durchgedrückt. Dazu kommen Dinge wie die Sperrung von Inhalten zu bestimmten Tageszeiten zum „Jugendschutz“. Von nichts eine Ahnung, zu allem eine Meinung, wie es  so schön heißt. Das Internet ist Neuland, aber wir wollen trotzdem Gesetze dazu machen. Und wenn die NSA unsere E-Mails liest, dann kann das ja mal vorkommen, weiß ja eh keiner so genau, wie das alles funktioniert, außerdem muss man doch irgendwas gegen diese Terroristen tun! Die haben da nämlich voll die Möglichkeiten, unsere Freiheit anzugreifen! Ganz im Gegensatz zu unseren demokratischen Regierungen natürlich.

Das Internet gibt es seit ungefähr 20 Jahren. Seit 10 Jahren ist es auch in Deutschland weit verbreitet. Kann man nach dieser Zeit noch akzeptieren, dass die mächtigste Person in unserem Staat sich mit dem Verweis auf Unwissenheit herausreden und überrascht tun kann? Würden wir das in anderen Bereichen akzeptieren? Ich sage nein, und das sollten wir auch nicht. Eine Regierung, der es nach 10 Jahren immer noch nicht gelungen ist, sich von Menschen beraten zu lassen, die was von dem Thema verstehen, kann man einfach nicht entschuldigen.

Für manche ist das Internet wohl Neuland, aber wenn man ein Land erobern will, sollte man auch dort hineingehen und es kennen lernen und versuchen, sich dort zurechtzufinden. An der Grenze stehen zu bleiben und Gesetze hineinzubrüllen ist einfach nur bescheuert.

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