Rückwärts ist noch gar kein Ausdruck

11 Jun

Es gibt immer wieder so Dinge, bei denen ich mich frage, welches Jahr wir eigentlich schreiben. Das russische Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“ ist so ein Fall. Erstmal: Was soll „homosexuelle Propaganda“ überhaupt sein? Wikipedia bezeichnet Propaganda als „einen absichtlichen und systematischen Versuch, Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten erwünschten Reaktion zu steuern“. Tun Homosexuelle das? Hängen die Befürworter und Macher dieses Gesetzes etwa immer noch, nachdem es bereits millionenfach breitgetreten wurde, der unsinnigen Überzeugung an, man könne sich aussuche, ob man homosexuell wird? Und glauben sie wirklich immer noch, dass die bösen Homos „ihre“ Kinder umpolen wollen? Hilfe.

Der stellvertretende Duma-Sprecher Sergej Schelesnjak begründet das Gesetz – natürlich – mit

Russland ist ein Land der traditionellen Werte

und ich könnte jedesmal schreien, wenn ich – egal in welchem Zusammenhang – dieses dümmste aller Argumente vorgesetzt bekomme, als sei die willkürliche Diskriminierung bestimmter Menschengruppen und das Unter-Strafe-Stellen privater Handlungen eine Errungenschaft, auf die man stolz sein müsste. Als sei es moralisch nicht nur unproblematisch, sondern sogar bewunderswert, Menschen ungleich zu behandeln, nur weil sie mit anderen Menschen Sex wollen als man selbst. Aber da hört es für Herrn Scheselnjak natürlich nicht auf, oh nein:

Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung unterstützten das Verbot homosexueller Propaganda unter Minderjährigen.

Wir sehen also, der Mann beherrscht das Einmaleins der dummdreisten Pseudoargumente in- und auswendig. Auch dazu muss man eigentlich nichts sagen: Wenn 90% der Bevölkerung denken, der Mond sei ein Käsekuchen, wird es deswegen auch nicht richtiger. Leider begegnet einem dieses Argument der Masse besonders bei solchen anmaßenden Forderungen ziemlich oft (Stichwort: „Das ist ein christliches Land!“). Wie kann es eigentlich sein, dass so viele einflussreiche Menschen, von denen man eigentlich einen gewissen Bildungsgrad erwarten würde, derart offensichtlichen Mist nicht als den Bullshit erkennen, der er ist? Kann es nicht sein, dass sich so ein Schwulenhasser mal fragt: „Hey, wann hab ich mich eigentlich entschieden, hetero zu werden? … Oh.“. Was ist los mit diesen Menschen?

Nach diesem Gesetz ist es also verboten, öffentlich vor Minderjährigen über Homosexualität zu sprechen. Man stelle sich nur mal vor, was passieren würde, wenn das – wie die letzten Jahrzehnte – nicht verboten wäre! Unsere Kinder würden doch alle zu Schwuchteln, genau wie dama … oh. Und selbst wenn es so wäre – was ich keine Sekunde glaube -, dass man seine Sexualität selbst bestimmen oder überhaupt irgendwie bewusst verändern kann, wäre es noch egal. Das geht keinen etwas an, schon gar nicht die Regierung. Es entsteht dadurch kein Schaden, auch wenn Herr Scheselnjak das sicher anders sehen wird, weil dadurch schließlich seine Werte verloren gehen, Hetero-Familien zerstört und vor allem keine Kinder mehr gemacht werden. Ich kapier nicht, warum Menschen immer meinen, sie müssten anderen vorschreiben, ihr Leben genauso führen zu müssen wie man selbst. Sicher passt mir auch vieles nicht, was andere gut finden, aber setze ich mich dafür ein, es ihnen zu verbieten? Was will man damit erreichen? Wie kann man sich bloß derart höllisch über etwas aufregen, was einen nciht das kleinste bisschen angeht?

Und wieso muss überhaupt immer einer diskriminierten Gruppe eine böse Absicht unterstellt werden? Ich meine, klar verstehe ich den propagandistischen Sinn dahinter. Aber glauben Leute wie Herr Scheselnjak, der ja ein wichtiges Amt in diesem Staat bekleidet und normalerweise Ahnung von den Dingen haben sollte, die er so tut, WIRKLICH und im Ernst, dass Homosexuelle versuchen, Kinder zu indoktrinieren und zu kleinen Homos zu machen? Eigentlich müsste er es besser wissen, aber dann macht es ja wieder keinen Sinn, Homosexuelle zu benachteiligen, wenn man weiß, dass diese „Bedrohung“ nur erfunden ist. Fehlt eigentlich bloß noch, dass er verbreitet, sie würden unsere Brunnen vergiften.

Aber der Pöbel steht ja hinter ihm. Laut SPON (übrigens die Quelle für den ganzen Post hier) fänden 42% der Russen eine Isolierung oder Zwangsbehandlung von Homosexuellen gut. Und 5% fänden es auch noch okay, sie umzubringen. Ich frage mich immer, wie man eigentlich denken muss, um das für richtig zu halten. Da passt sogar mal das Argument, dass da ja jeder kommen könnte. Schließlich könnte ich auch kommen und behaupten, dass Leute, die Wackelpudding mögen, in unsere Schulen kommen und Wackelpudding-Propaganda betreiben, sodass unsere armen kleinen Kinder auch bloß noch Wackelpudding essen wollen, und das dann als schädlich für die Psyche bezeichnen und mich leidenschaftlich dafür engagieren, dass diese entsetzlichen Wackelpudding-Liebhaber endlich wieder in Lager geschafft werden. Man sieht also das Problem, hoffe ich: Man kann sich nicht einfach willkürlich irgendeine Eigenschaft, die man vage unanständig findet, dafür aber keine richtigen Argumente hat (wovon sie sich aber nicht beeindrucken lassen) rauspicken und diese als schlecht bezeichnen. Ich frage mich immer, wie diese Homosexuellen-Hasser es fänden, wenn plötzlich irgendeine andere Fanatikergruppe daherkäme und sich eine andere Eigenschaft (z.B. gerne Wackelpudding essen) raussucht und sie dann selbst betroffen wären. Das wäre natürlich was ganz anderes dann.

Und dann kommt natürlich noch die obligatorische Distanzierung, denn man ist ja kein Rassist, aber es wäre schon nicht schlecht, wenn Hitler wieder an der Macht wäre:

Der Gesetzentwurf richte sich nicht gegen homosexuelle Beziehungen als solche, betonte Duma-Sprecher Schelesnjak

Vielleicht meint er das tatsächlich so und genau genommen stimmt es zwar, aber selbst er müsste erkennen, dass ein solches Gesetz garantiert nicht in Richtung von mehr Gleichberechtigung führt, zumal der Hass auf Homosexuelle in Russland sehr weit verbreitet scheint. Aber er will ja bloß die Jugend schützen, gell? Vor Darstellungen,

die schädlich für ihre Psyche sein können und ihnen eine verzerrte Vorstellung zwischenmenschlicher Beziehungen vermitteln

will er sie schützen. Ich frage mich, was an dem bloßen Wissen, dass es Homosexualität gibt, die Psyche schädigen könnte. Tatsächlich fällt mir generell nichts ein, das die Psyche allein dadurch schädigt, dass ich darüber Bescheid weiß. Was die „verzerrte Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen“ angeht, so muss eigentlich nicht mehr gesagt werden, als dass Liebe niemals von Werten und Normen abhängen kann und darf, und dass mündige Menschen selbst am besten wissen, was sie möchten, und dass umfassende Information in der Jugend die direkte Voraussetzung für die spätere Mündigkeit ist.

Zum Abschluss ein kleines Lob (das muss auch mal sein) an Spiegel Online: Ein Kritiker des Gesetzes kommt ausführlich zu Wort. Das find ich gut.

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