Das ist eine Intervention

25 Feb

Bierselige Diskussionen sind mitunter die besten. Am Wochenende hatte ich wieder so eine, und die war tatsächlich gut, denn derart meine Meinung geändert habe ich schon länger nicht. Naja, genau genommen habe ich sie nicht geändert, sondern mich jetzt auf etwas festgelegt, wobei ich mich vorher nicht entscheiden konnte und sogar eher zur anderen Seite neigte, obwohl ich es hätte wissen müssen. Auf jeden Fall werde ich jetzt einfach mal drauflosbloggen und dabei versuchen, die Ergebnisse dieser Diskussion darzustellen. Ich hoffe, dass es mir gelingt. Es ging dabei um die Frage, ob der Staat Menschen, die sterben wollen, dabei helfen soll. Und auch darum, welche Drogen erlaubt sein sollen, was meines Erachtens eine ganz ähnliche Frage ist, zumindest hat sie in etwa die selbe Antwort.

Zuerst habe ich noch einen Standpunkt vertreten, über den ich mich selbst einigermaßen wundere, nämlich einen geradezu liberalen. Im ersten Moment klingt es auch ja ganz einleuchtend, dass man einfach alle Drogen erlauben und jedem, der sterben will, dies ermöglichen sollte. Denn schließlich ist jeder für sich selbst verantwortlich und damit auch an den Folgen seiner Handlungen selber schuld, und alles andere wäre Bevormundung. Der Haken an der Sache ist aber folgender: Jemand, der in einer tiefen Depression ist, kann nicht rational entscheiden, ob er nicht mehr leben will. Er kann das zwar für den Moment so empfinden, dennoch ist es gut möglich, dass man ihm helfen kann und in ein paar Wochen wieder alles ganz anders aussieht. Deshalb kann ein Staat es nicht verantworten, Menschen beim Suizid zu unterstützen. Er wäre der erste Schuldige, den die Angehörigen finden. Der Selbstmord eines geliebten Menschen ist emotional eine sehr schwierige Sache, und damit umzugehen fällt schwer. Man sucht automatisch nach einem Schuldigen, und was läge da näher als der Staat, der den Selbstmord erst ermöglicht hat? Natürlich sollte jeder über seinen Tod selbst entscheiden dürfen – Selbstmord sollte nicht illegal sein. Aber aktiv unterstützen darf der Staat dabei nicht. Viele Menschen hätten sich aus einer momentanen Depression heraus (vielleicht auch durch einen Rauschzustand verursacht) bereits umgebracht, wenn es nur genügend schnell und einfach gegangen wäre, und haben sich danach wieder erholt. Durch eine solche Aktion werden mehr Menschen sterben, und das vollkommen unnötig. Viel wichtiger sind Maßnahmen, zu verhindern, dass es überhaupt so weit kommt, und natürlich auch die Hilfe für den Suizidgefährdeten selbst. Für Drogen gilt das in ganz ähnlicher Weise. Wir können nicht einfach alle Drogen erlauben und sagen „Selber schuld!“. Die Gründe, Drogen zu nehmen, decken sich weitgehend mit den Gründen für Selbstmord. Und da harte Drogen dem Körper extrem schaden und schnell abhängig machen, sollten wir das als Gesellschaft nicht unterstützen. Der Begriff der Eigenverantwortung, den die Liberalen so lieben, klingt ja vernünftig und ist in vielen Bereichen auch nicht verkehrt. Schließlich WOLLEN wir ja niemanden bervormunden. Ich würde allerdings eine Ausnahme machen, wenn der Betreffende aus einer persönlichen Not heraus keine vernünftige Entscheidung fällen kann. Wer diese fällen kann, dem würde ich auch Drogen geben, aber das lässt sich leider schlecht überprüfen, und daher muss der Wunsch nach Drogenrausch des einen vor dem Leben des anderen zurückstehen. Natürlich kann man sagen, harte Drogen zu verbieten und Suizid nicht zu unterstützen würde nichts an den Gründen für diese Notlagen ändern. Das ist wahr. Aber deswegen müssen wir sie nicht noch verschlimmern.

Anders gestaltet sich die Sache allerdings bei aktiver Sterbehilfe in Krankenhäusern und Altenheimen. Das ergibt sich aber nicht daraus, dass ich körperlichen Schmerz höher bewerte als emotionalen. Das ist nicht der Fall. Nein, der Unterschied besteht darin, dass ein Pflegefall keine Möglichkeit hat, sich selbst zu töten. Ein depressiver Mensch, der sterben will, braucht Hilfe, um weiterzuleben, denn das kann er nicht alleine. Ein Pflegefall, der sich wünscht, von seinem Leiden erlöst zu werden, braucht umgekehrt Hilfe beim Sterben, denn das kann er wiederum nicht alleine. Deshalb ist es gerechtfertigt, einem Pflegefall eine tödliche Pille zu geben, durch die er sanft entschläft. Wer selbst die Möglichkeit dazu hat, dem braucht nicht geholfen zu werden, es ist im Gegenteil gut, wenn es nicht schnell und einfach geht, weil dann eine Hemmschwelle vorhanden ist, die mit höherer Wahrscheinlichkeit Menschen überschreiten, denen es wirklich ernst ist mit dem Sterbewunsch.

Und ich finde, darin offenbart sich ein wenig von der linken Weltsicht (zumindest meiner): Eine Gesellschaft ist dazu da, um gemeinsam einen Grundkonsens an Moral zu leben. Als einfachstes Beispiel: Die wenigsten wollen getötet werden, also bilden sie eine Gesellschaft, in der Töten verboten ist, und halten gegen jene zusammen, die das anders sehen. Und in ähnlicher Weise sollten wir eine Solidargemeinschaft sein und anstatt „Geht mich nichts an, das ist deine Eigenverantwortung.“ sollten wir sagen „Hör mal, was du da vorhast, wird dich nicht weiterbringen, aber wir sind für dich da.“. Natürlich kann man darauf beharren, dass jeder mit den Konsequenzen klarkommen muss, wenn er etwas tut, das ihm schadet. Aber warum muss das so sein? Eine Gesellschaft basiert darauf, dass die Gemeinschaft für den Einzelnen da ist. Und es gibt keinen Grund, das darauf zu beschränken, wenn jemand anderes einem Schaden zufügt. Wenn wir uns selbst Schaden zufügen, sollte die Gemeinschaft genauso für uns da sein.

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4 Antworten to “Das ist eine Intervention”

  1. Muriel 5. März 2013 um 21:43 #

    Zu bierseligen Diskussionen kann ich mich mangels Erfahrung kaum äußern, darf aber vielleicht sagen, dass sie aus meiner unbeteiligten Perspektive eher nicht so gut rüberkommen.
    Inhaltlich: Ja.

    • Hardcore Tristesse 5. März 2013 um 21:55 #

      Alles eine Frage des Standpunktes, würde ich sagen. Mich haben sie jedenfalls schon oft weitergebracht. Wir treffen uns gerne im Irish Pub zum Philosophieren, und das ist immer große Klasse.
      Da ja zum Inhalt überrascht mich ehrlich gesagt.

  2. fiirvogu 25. Februar 2013 um 23:46 #

    Wie, zum Teufel, sollte denn ein Staat überhaupt einen depressiven Freitodwilligen unterstützen können? Da sehe ich schon rein theoretisch keinen Weg. Im Übrigen gibt es dafür genug Ärzte – indem sie Beruhigungsmittel, Schlafmedikamente, etc. verschreiben. Und Brücken stehen auch überall genug da. Wer sich also umbringen will, der hat genug Möglichkeiten – auch ohne Staat. :-/
    Dass die Gemeinschaft da sein sollte, wenn wir uns selber Schaden zufügen, kann ich zwar moralisch nachvollziehen, finde ich persönlich aber – aus gemachter Erfahrung – scheisse. Mir wäre es lieber, wenn die Gemeinschaft da ist, wenn Drittpersonen uns Schaden zufügen, bevor sie sich einmischt, wenn ich mir was antun will. Und da klappt es ja – wie unzählige Beispiele zeigen, leider überhaupt nicht.

    • Hardcore Tristesse 26. Februar 2013 um 00:36 #

      Danke dir für den Kommentar. Das ganze ist eine ziemlich theoretische Überlegung, von der ich selbst schon wieder nicht mehr völlig überzeugt bin.
      Es geht mir nicht darum, um jeden Preis jeden Suizid zu verhindern, ich will sie nur nicht begünstigen, indem ich Zyankalipillen in der Apotheke ausgeben lasse oder dergleichen. Mehr kann ein Staat in der Tat nicht tun, ohne sich in das Privatleben einzumischen. Abgesehen natürlich von Prävention in Form der vermittlung einer humaneren Gesellschaft und durch Förderung von wirklicher Hilfe für Suizidgefährdete.
      Die Gemeinschaft soll da sein, wenn man sie braucht, aber sich einem auch nicht unnötig aufzwingen, was natürlich ein schmaler Grat ist. Dass wir uns erst einmal um das Funktionieren der bestehenden Schutzaufgaben kümmern sollten, lässt sich natürlich auch nicht bestreiten.

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