Menschenversuche, ja bitte

19 Feb

Ich habe mir gestern eine Süddeutsche Zeitung gekauft. Das hatte drei Gründe: Erstens, weil ich auf der Suche nach einer Briefmarke (kann das wahr sein, dass man an jeder Tanke Facebook-Gutscheine bekommt, aber keine Briefmarken?) extra zum Bahnhof gefahren bin, weil da eine Post ist, und ich Lust hatte, noch irgendwas Sinnvolles zu kaufen. Zweitens, weil die Süddeutsche nach meiner subjektiven Erfahrung noch das beste von allen „Qualitätsmedien“ zu sein scheint, weil in allen Blogs, die ich lese (und das sind drei. Drei!) über sie am wenigsten hergezogen wird. Drittens, weil mich die sympathische Schlagzeile „EU will Tests an Menschen erleichtern“ anlachte.

Und darüber will ich kurz etwas schreiben.

Mein erster Gedanke war „Fuck yeah, mehr Selbstbestimmung!“. Ich sehe irgendwie nicht so richtig einen Grund, warum man es jemandem verbieten sollte, wenn der gerne ein Medikament an sich ausprobieren lassen möchte. Außer natürlich, dass jemand sich dazu gezwungen sieht, weil er sonst verhungert und keine andere Geldquelle hat, aber mit dieser Argumentation könnte man eine ganze Menge „unanständiger“ Dinge verbieten. Außerdem dürfte in Deutschland ohnehin niemand deshalb verhungern, soviel Sozialstaat haben wir dann doch noch. Wer das aus freiem Willen möchte, soll das dürfen. Was mich besonders freut: Die Ethikkommissionen haben nichts mehr zu sagen. Warum soll eine Kommission sagen dürfen, was ich mit meinem Körper machen darf? Das ist genau der gleiche Mist wie bei Abtreibungen und PID. Irgendwelche anderen Menschen, darunter auch noch eine Menge Kirchenleute, sollen über meinen Körper entscheiden? Wenn ich über den nicht frei verfügen darf, über was denn dann noch?

„Medizinethiker“ (was das für Leute sind, wird leider nicht gesagt) befürchten nun also, dass durch diese Änderung „die Schutzmechanismen bei Versuchen an Menschen niedriger sein werden als bei Tierversuchen“. Und das ist auch gut so, denn ein Mensch kann sich frei entscheiden, was mit ihm passieren soll, die Tiere werden wohl im Normalfall nicht nach ihrer Meinung gefragt und können sich auch nicht zur Wehr setzen, daher ist das absolut logisch. Und ich würde meinen, dass das eigentlich auch jeder einsehen müsste, der mal kurz drüber nachdenkt, anstatt als angeblicher Experte nur die erste Panikreaktion „Oh mein Gott wir sind niedriger eingestuft als Tiere!“ rauszubrüllen. Allgemein scheint kaum jemand, vor allem nicht Politiker und Religionsvertreter (und besonders die konservativen beider Seiten) keine Sekunde zu überlegen, bevor sie der Presse irgendwas erzählen. Anders kann ich mir dieses immer wieder auftauchende in sich widersprüchliche Gefasel nicht erklären.

Ab jetzt soll also ein einzelner Staat dafür zuständig sein, die Vorhaben der Medizinindustrie zu bewerten und entsprechend zu erlauben oder verbieten. Und die Industrie soll dne vorschlagen dürfen. Das finde ich jetzt schon wieder nicht ganz so toll, denn dadurch wird keine Unabhängigkeit gewährleistet. Davon ab sehe ich aber auch gar keine Notwendigkeit für eine solche Bewertung, solange das alles freiwillig passiert und kein Betrug stattfindet. Die diffusen Medizinethiker wollen, dass einzelne Staaten sagen können, dass sie bei den Versuchen nicht mitmachen, „falls sie sie für ärztlich nicht für vertretbar halten“. Was soll das? Wo liegt denn das verdammte Problem, wenn sich jemand gesundheitlichen Risiken aussetzen will und sich dessen auch voll bewusst ist? Wo ist da das Problem, kann mir das mal jemand sagen?

Im Bundestag haben sich CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne zusammengeschlossen, um das zu verhindern. Sie kritisieren außerdem, dass der Schutz von Minderjährigen und Menschen in Not gesenkt wird, und das kann man wirklich mal anbringen. Wer sowas tun will, soll unter keiner Art von Druck stehen. Und dass Menschen erst ab einer gewissen geistigen Reife über so etwas entscheiden sollten, ist hoffentlich auch klar (auch wenn 18 eine Grenze ist, über die man streiten kann; das sollte man in solchen Fällen eher individuell beurteilen).

Dann wirds wieder schöner: Die neue Verordnung soll für Einheit sorgen. Ich meine, da haben wir schon ein (halbwegs) „vereintes“ Europa, und dann kocht trotzdem jeder sein eigenes Süppchen? Ich mag Föderalismus nicht, für mich steht er für Ungleichbehandlung, für ungleiche Rechte, Pflichten und Chancen und sollte eigentlich nicht vorkommen, außer es sprechen kulturelle Gründe dafür, und auch dann eben nur in den Fällen, wo eindeutig Unterschiede bestehen. Und das ist hier sicher nicht der Fall, und selbst wenn, müsste das Selbstbestimmungsrecht überwiegen.

Jedenfalls ist es toll, dass diese Ethikkomissionen nun nicht mehr gefragt werden sollen. Vielleicht geht es ja doch ein wenig vorwärts mit der Vernunft.

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3 Antworten to “Menschenversuche, ja bitte”

  1. Muriel 21. Februar 2013 um 17:18 #

    Ja, das mit dem Föderalismus leuchtet mir auch nicht ein. Die anderen Libertären sind immer dafür, aber ich weiß nicht, warum.
    Tim hat mal versucht, es mir zu erklären, aber Tim ist leider sagenhaft schlecht im Erklären.

    • Hardcore Tristesse 21. Februar 2013 um 17:25 #

      Ich glaube, dass es damit zu tun hat, dass die Zentralregierung dann weniger Macht hat, und dass dadurch, dass in den einzelnen Bundesländern verschiedene Parteien regieren, deren „Wettbewerb“ verbessert wird, weil dann auch welche, die im Bund nicht mitregieren, zeigen könne, was sie so drauf haben.
      Da ich aber nicht libertär bin oder mich zumindest nicht so sehe, sind das nur Mutmaßungen.

      • Muriel 21. Februar 2013 um 17:30 #

        Ja, das denke ich mir so auch, aber für mich ergibt es keinen großen Sinn. Ob der, der mir vorschreibt, mit wem ich Sex haben darf, und mit wem nicht, in meinem Dorf sitzt, oder in Moskau, macht für mich keinen Unterschied, und ob er das nur 10.000 Leuten vorschreiben kann, oder 10.000.000, spielt für mich in der Bewertung auch keine Rolle.
        Daran scheiterte auch die Diskussion mit Tim: Jemand müsste mir Gründe für die Annahme nennen, dass Föderalismus bei ansonsten gleichen Bedingungen zu besseren Ergebnissen führt als eine Zentralregierung. Wettbewerb halte ich da für ein sehr schwaches Argument, weil Wettbewerb zwischen Staaten anders läuft als Wettbewerb zwischen anständigen Leuten.
        Na gut, mal sehen. Vielleicht lerne ichs ja eines Tages noch.

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