Schreien, Lügen und Erpressung beflügeln die Liebe

14 Feb

Für meinen ersten „richtigen“ Post habe ich mir ein leichtes Opfer ausgesucht: Beziehungstipps auf joy.de. Vermutlich wird es belächelt, wenn jemand diesen Schund auch nur eines Blickes würdigt, aber es gibt immer noch Menschen, die so etwas tatsächlich ernst nehmen und glauben, diese Ratgeber könnten ihre maroden Beziehungen irgendwie retten – dabei beinhalten diese so genannten Tipps auch so ziemlich alle Vorurteile, die es im Feld „Männer/Frauen“ gibt, und helfen dabei, ideale Grundvoraussetzungen für eine destruktive Beziehung zu schaffen. Ich weiß nicht, ob manche Leute das so wollen, oder ob sie tatsächlichen diesem Typus Frau/Mann entsprechen, der hier jeweils als der einzige dargestellt wird, aber es macht mich wütend, dass jemand so etwas als psychologische Lebenshilfe zu verkaufen sucht. Schauen wir uns also beispielhaft mal diesen Artikel an.

Allein schon die Einleitung:

Beim Streiten soll man ruhig bleiben? Sex gibt’s nur, wenn beide in Stimmung sind? Psychologen empfehlen genau das Gegenteil dieser oft gehörten Verhaltensregeln – und verraten, was sie nach aktuellsten Erkenntnissen tun können, um Ihre Liebe jeden Tag aufs Neue zu beflügeln.

Diese „oft gehörten Verhaltensregeln“ sind meiner Ansicht nach lediglich grundlegende Aspekte eines respektvollen Umgangs miteinander. Aber gut, wenn „Psychologen“ das sagen, dass es unsere Beziehung beflügelt, wenn wir uns gegenseitig anschreien und Pflichtsex haben. Schauen wir uns die 12 folgenden Punkte doch mal ein wenig genauer an. Außerdem merken wir uns bitte: Die folgenden Tipps sollen unsere Liebe jeden Tag aufs Neue beflügeln.

1. Reden Sie weniger!

Schönerweise fängt der Absatz gleich mit dem beliebten Vorurteil an, dass alle Frauen ihre Partner mit jedem winzigen Detail ihres Tagesablauf vollschwallen:

Sie finden es wichtig, keine Geheimnisse voreinander zu haben. Deshalb erzählen Sie ihm von jeder Einzelheit Ihres Tages

Und das ganze geht dann auf die mitfühlende Schiene: „Du meinst es ja nur gut, aber Männer verstehen natürlich nichts von richtiger Beziehung, deswegen sag ich dir jetzt, wie du das mit dem gebacken kriegst, so richtig von Frau zu Frau.“ Diese Anbiederung an die Leserin geht mir echt auf den Sack, und der Sexismus gegen Männer genauso. Natürlich ist auch welcher gegen Frauen enthalten, aber das scheinen die gar nicht zu merken oder finden es gut, so wie es ist.
Der eigentliche Tipp ist dann, dass Frau ihrem Mann nur Dinge erzählen soll, die auch relevant sind, oder wenn sie eine Problemlösung möchte. Zum Rumjammern soll sie zu einer Freundin gehen. Das Problem dabei: Natürlich gibt es genauso Männer (und ich würde mich dazurechnen), die  ihrer Partnerin auch dann beistehen, wenn sie ein Problem hat, das sich gerade nicht lösen lässt, oder sie auch einfach bloß einen schlechten Tag hatte. Das würde ich auch als Idealverhalten ansehen, in einer Beziehung, die mir was wert ist. Davon ab kann man auch genausogut mehreren Personen vertrauen und auch die Freundin kann man um ihren Rat bitten und nicht bloß zum „Frust ablassen und sich bemitleiden lassen“ missbrauchen. Was verstehen die denn unter Freundschaft?
Also: weniger reden und den Freund nur dann belästigen, wenn er eine eindeutige Antwort geben kann, weil Gefühle verstehen Männer ja eh nicht. Das ist doch mal eine solide Grundlage für eine funktionierende Beziehung: Bloß nicht zuviel Kommunikation.

2. Erwarten Sie keine Entschuldigung!

Ernsthaft? Es gibt Leute, denen man noch sagen muss, dass eine erzwungene Entschuldigung nicht echt ist? Naja, zum Glück hat joy.de die beste Lösung gefunden: Zunächst mal sich selbst entschuldigen, wenn man Mist gebaut hat. Unfassbar, dass man das Leuten sagen muss, die bei anderen auf einer Entschuldigung bestehen. Aber der ultimative Tipp ist: Einfach ins Nebenzimmer stellen, mit sich selbst reden und dabei vorsagen, wie man sich die Entschuldigung vorstellt. Und das hat der Mann dann nachzuplappern. Beflügelt die Liebe mit Sicherheit.

3. Verfolgen Sie Ihre Ziele, nicht Ihren Partner!

Fängt gleich wieder an mit dem schönen Klischee, dass Frauen, sobald sie in einer Beziehung sind, kein eigenes Leben mehr wollen und das auch vom Partner verlangen, aber der will sich einfach nicht darauf einlassen und unternimmt weiterhin etwas mit seinen Freunden. Wenn das mal nicht unfassbar ist! Und jetzt kommt der Hammer:

Das Wichtigste für eine Beziehung ist es, ein eigenes Leben zu führen und sich nicht hundertprozentig auf den Partner zu konzentrieren

Wow, was kommt als nächstes? Zucker ist schlecht für die Zähne? Mal ehrlich, wer da nicht von selbst drauf kommt, hat ja wohl die guten Ratgeber auf joy.de nicht gelesen ein Rad ab. Stattdessen soll man einfach mal eine Woche gar nichts mit dem Partner machen, damit der auch mal sieht, wie das ist, jemanden zu vermissen. Wundervoll, wie man selbst bei der trivialsten Erkenntnis noch derart den Vogel abschießen kann.

4. Äußern Sie nur einen Kritikpunkt pro Tag!

Wer kennt das nicht? Der Partner lässt mal Klamotten am Boden liegen, und schon schreit man ihn an, weil das geht ja wohl mal gar nicht, dass der einfach den eigenen Ordnungsfimmel nicht teilt. Stattdessen empfiehlt joy.de: jeden Tag nur eine Sache kritisieren, dafür aber alles genau aufschreiben, was er falsch gemacht hat – kann man sicher immer mal gebrauchen! Über einen Fehler hinwegsehen, das geht schließlich nicht. Dafür soll man die Liste dann nach Wichtigkeit sortieren (weil Männer schließlich täglich so viel falsch machen, dass man leicht mal den Überblick verliert) – und irgendwann lernt vielleicht auch die Frau endlich, welche Dinge wirklich wichtig sind und welche nur durch ihre Zickigkeit aufgeblasen werden. (Tada, da haben wir den Sexismus gegen Frauen! #aufschrei!). Gnädigerweise wird der Damenwelt aber auch noch erlaubt, auch mal einen Tag ohne Meckern vergehen zu lassen.

5. Spiegeln Sie seine Macken!

Genau, Nachäffen war ja schon immer die allerbeste Methode, Kritik konstruktiv anzubringen und natürlich die Liebe zu befügeln. Außerdem wird Punkt 3 wiederholt, die geniale Erkenntnis, dass man auch mal was alleine machen könnte:

Wenn er mal wieder stundenlang in den Sportkanal stiert – ärgern Sie sich nicht, sondern nutzen Sie diese Zeit, um selbst etwas Schönes zu machen!

Das führt uns schließlich zum großen Ziel und wichtigsten Grundbaustein einer liebevollen Beziehung – der Empörung:

Woran Sie merken, dass Sie alles richtig gemacht haben? Wenn er plötzlich eine halbe Stunde früher als sonst die Glotze ausschaltet und Sie ehrlich empört zu ihm sagen: „Jetzt schon? Ich habe aber jetzt noch keine Zeit für dich, ich bin noch nicht fertig – du kannst so lange noch was anderes machen.“

Hört sich echt toll an, was?

6. Vergessen Sie normalen Sex!

Wieder so ein wundervoller Anfang, mit einem Hauch von BILD-Stil:

Ihre Freundin ist frisch verliebt und schwärmt Ihnen permanent von ihrem hammermäßigen Sexleben vor. Müssen Sie sich jetzt Sorgen um Ihre Beziehung machen, nur weil sie nicht jeden Tag wie die Wilden übereinander herfallen?

Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Richtig, nichts. Das kann vielleicht ein Bewusstsein wecken, dass der Sex nicht mehr so spannend ist wie früher, aber dass die Tatsache, dass jemand anders guten Sex hat, Sorgen um die eigene Beziehung rechtfertigt, ist natürlich ein logischer Fehlschluss. Und die Lösung? Noch so ein Hammer: Wichtig ist nicht, was andere tun, sondern wie mir mein eigenes Sexleben gefällt! Wer hätt’s gedacht?

Denn „normal“ gibt es in Sachen Sex nicht – entscheidend ist, was Ihnen guttut.

Hä? War nicht die Aufforderung gerade noch, normalen Sex zu vergessen? Wie soll das denn gehen, wenn es so etwas gar nicht gibt? Wie auch immer. Und wie bringt man nun einen Mann dazu, mit einem Sex zu haben? Genau, man schwärmt ihm vor, wie toll der Sex von anderen Leuten ist! Ich meine, wer wäre davon nicht hingerissen und würde sich die Kleider vom Leib reißen? Ich nehme an, damit soll ein „Trieb“ angesprochen werden, dass der Mann einem anderen Mann nicht unterlegen sein will und sich deshalb mehr anstrengt. (Wie in so Teenagerfilmen: „Was, die nebenan haben immer noch Sex? Da kann ich nicht jetzt schon aufhören, wie steh ich denn sonst da?“). Und ist emotionale Erpressung nicht immer noch das beste Mittel, täglich die Liebe neu zu beflügeln?

7. Warten Sie mit Sex nicht, bis Sie in Stimmung sind!

Was tun, wenn ich gar keine Lust auf Sex habe, aber mir Sorgen um das Liebesleben mache? Genau, ich setze mir feste Termine oder werfe eine Münze, und dann MUSS ich Sex haben, ob ich nun will oder nicht. Ich weiß ja nicht, wie andere das sehen, aber wenn ich keine Lust auf etwas habe, dann habe ich keine Lust darauf. Man sollte sich vielleicht eher überlegen, wie man denn wieder Lust bekommt. So wirkt das Ganze nach „Leg dich steif wie ein Brett aufs Bett und warte bis er fertig ist, dann ist mein Sexleben gerettet, weil es findet ja statt“.

8. Rasten Sie mal aus!

Das ist doch der Tipp, auf den wir alle gewartet haben, denn erfahrungsgemäß sind Beziehungen, in denen viel geschrieen wird, die besten und stabilsten, ganz im Gegensatz zu denen, in denen die Partner immer nur vernünftig miteinander reden und auf den anderen eingehen. Zwar soll man sich ja einschränken (nur einmal pro Tag), aber eine Ausnahme gibt es dann doch für „massive“ Gefährdungen der Beziehung. Und da soll man dann

herumschreien, mit Tellern schmeißen oder mit Türen knallen

Das ist total wichtig, denn wenn man einem Mann einfach nur ruhig sagt: „Hör zu, wenn du das noch einmal machst, werde ich mich von dir trennen.“, dann rafft der das einfach nicht! Da muss man Feuer mit Feuer bekämpfen und massive Gefährdungen der Beziehung erforden auch massive Reaktionen! Und Wahl hat man da auch keine!

9. Hören Sie nicht auf ihre beste Freundin!

Dass dieser Tipp nur gilt, wenn die Freundin einen beschissenen Rat gibt wie etwa in diesem Fall:

Er hat Ihnen schon x-mal versprochen, nicht den ganzen Abend vor dem Computer zu verbringen – aber nichts geschieht. Ihre Freundin rät Ihnen, beim nächsten Mal einfach den Stecker rauszuziehen.

ist hoffentlich jedem klar. Dazu kommt noch der unschlagbare Hinweis, dass man nicht seine ganze Beziehung vor anderen ausbreiten soll, vor allem nicht, wenn man das beim Partner auch nicht okay fände.

10. Tun Sie so, als ob

Das kann ja nichts Gutes werden. Egal, ob man nun sich selbst oder andere belügt, falsch ist es immer und für eine Beziehung fast immer schädlich. Besonders gefallen mir die „Macken“, die am Anfang aufgezählt werden: Klamotten herumliegen lassen (schon mindestens zum dritten Mal als Beispiel), mit dem Handy spielen, vor dem Fernseher essen (also bitte, wer tut das bitte nicht?). Halten sich diese ganzen Weiber für die Mutti ihrer Partner, oder was? Überhaupt, dieses ganze „den-Partner-erziehen-wollen“. Wieso ist man mit jemandem zusammen, der einem überhaupt nicht passt, wie er ist? Wie kommt es zu sowas?

Worum es also geht: So tun, als hätte man gar kein Problem. Man soll sich auf Positives konzentrieren (okay, nicht das allerdümmste) und dazu sich 10 Gründe überlegen, warum man ihn  liebt. und aus dieser „geheimen(!)“ Liste soll man ihm dann vorlesen. Das ist aber nett, endlich gehen wir mal positiv vor und sehen über Fehler hinweg … oder? Weit gefehlt. Denn wenn einen die herumliegenden Klamotten immer noch aufregen, obwohl man sich doch ganze 10 Gründe überlegt und sogar aufgeschrieben hat, warum er toll ist, dann gibts nur eine Lösung. Sich bewusst so verhalten, dass er genervt wird! Genial, oder? Oder? Und dann kann man einen Tausch anbieten: Wenn du aufhörst, hör ich auch auf! Wo hab ich das nur schon mal gehört … ach ja richtig, damals im Kindergarten. Provokation ist immer schlecht für eine Beziehung. Die Liebe täglich neu beflügeln am Arsch.

11. Lernen Sie die Ich-Sprache!

Gut, wir haben uns also noch nicht egoistisch genug benommen, lernen wir halt auch noch die Ich-Sprache. Wir sollen also sagen „Ich komm nicht mit deinem Verhalten klar.“ statt „Du machst das falsch.“. Das ist zwar im Grunde genau das gleiche, nur in etwas netter und viel hinterhältiger. Besonders schön die empfohlene Variante „Könntest du bitte mir zuliebe … ?“, was an Hinterhältigkeit kaum zu übertreffen ist: Anstatt klar zu sagen, wo eigentlich das Problem liegt, bitten wir den Mann, einfach zu tun, was wir wollen, und wenn ers nicht tut, steht er als gefühlskalt da, weil er kann ja nicht mal für seine Freundin dies und das tun.

So verhindern Sie, dass er sich aufregt, weil er ja schlecht sagen kann: „Nein, du würdest dich nicht wohler fühlen, wenn ich den Müll runterbringen würde.“

Warum eigentlich nicht? Die Aussage „Ich würde mich wohler fühlen, wenn du den Müll runterbringst“ ist aber schon denkbar schlecht gewählt. Sie impliziert irgendwie, dass das etwas wäre, wovor man Angst haben müsste. Vielleicht liegts auch nur an mir. Andererseits sollte auch jedem klar sein, dass man die Arbeit innerhalb einer Beziehung gleichwertig verteilen sollte, ein Grundsatz, den leider zu viele Männer immer noch nicht begriffen haben. Auch sehr schön am Ende des Absatzes:

sobald er sich echauffiert, setzt ein biologischer Kampf- und Fluchtreflex ein: „Er ist dann nicht mehr in der Lage, rational zu denken“

Ganz im Gegensatz zu Frauen, wie wir wissen, da muss das einfach sein, dass die mal ausrasten, das rettet die Beziehung vor massiver Gefährdung.

12. Sie können auch ohne Partner leben!

Den widerlichsten Punkt haben sie bis zum Schluss aufgehoben: Männer haben ja bekanntlich nie jemanden, dem sie sich anvertrauen können, im Gegensatz zu Frauen. (Wir einnern uns nebenbei: Frauen wollen alle Zeit mit dem Partner verbringen, Männer ewas mit Freunden unternehmen, hieß es in Punkt 3). Und deshalb sind Männer viel abhängiger von der Beziehung. (Dass das jede Frau eigentlich selbst am besten wissen müsste, wie viele gute Freunde etc. der Partner hat, sei mal dahingestellt).  Also brauchen wir als Frau gar keine Angst haben, dass er Schluss macht – er braucht uns schließlich! Folglich können wir alles mit ihm machen und können die vorherigen „Tipps“ genauso gut wieder vergessen. Schließen wir also ab mit dem wunderschönen Satz:

Die besten Beziehungen haben sowieso die, die ohne einander leben könnten, es aber nicht wollen!

Der im Grunde nichts anderes sagt als „Wenn Punkt 12 bei dir zutrifft, ist deine Beziehung eh schon höchstens mittelmäßig“. Vielleicht wollte die Autorin uns hier versteckt darauf hinweisen, dass sie gar nicht so blöd ist wie ihre Artikel (und Leserinnen, die sie ernst nehmen). Hoffen tu ichs. Glauben auch? Eher nein.

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Eine Antwort to “Schreien, Lügen und Erpressung beflügeln die Liebe”

  1. Guinan 22. Februar 2013 um 00:09 #

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